Montag, 1. Februar 2016

. gedankenfetzen | no. 2


Der Tag treibt sie innerlich voran. Sie müsste, sollte doch, jetzt und in diesem Moment, längst schon nicht mehr hier sitzen. Das Leben verlangt nach ihr. Der Tag zieht und zerrt. Reißt ihr die Erinnerungen aus den Armen. Durchdringt ihre Gedanken und wirbelt alles durcheinander. Das müssen und sollen wird immer größer. Die Unruhe lässt nicht zu, dass ihr Füße auch nur einen Moment, länger stillstehen. Den letzten Schluck Kaffee noch auf der Zunge bahnt sie sich ihren Weg zurück. Begibt sich auf die Suche nach ihren Kleidern. Der Hülle, mit der sie sich tagsüber umgibt. Das Kostüm. Sie streift es über, das viel zu laute Ich. Alles in ihr scheint sich dagegen zu wehren und doch ist es das einzige was sie seit Jahren kennt. Die einzige Maske, die sie hat. Darunter, ein leises, kaum wahrnehmbares Sein.

Und doch, heute, an diesem Tag scheint es, als wäre das Laute noch viel lauter. 
Als wäre die Maske so viel enger. Als würde ihr die Luft wegbleiben.
Kaum Platz zum atmen. Jeglicher Raum, zum sein, verblasst. Sie sieht sich immer mehr schwinden. Verschwinden. 
So wie ihre Träume, wie ihre Erinnerungen.
Es ist ein verlieren. Sich selbst und all das, was sie ausmacht. Der Moment der Erkenntnis hinterlässt unsichtbare Tränen in ihren Augen. Sie bahnen sich ihren Weg über ihre Wangen. Fallen. Und fallen.

Da ist sie, die Angst. Angst das gekannte loszulassen. Türen hinter sich zu schließen. Ist es doch soviel sicherer einfach da zu bleiben, wo sie gerade steht. Den immer selben Weg zu gehen. Die leisen Töne zu überhören.
Wenn man sich einmal verloren hat, vergisst man, und vielleicht vermisst man dann auch nicht. 
Und so lässt sie. Sich. Zurück.
Ihre Finger umfassen den Schlüssel, ihr Beine laufen zur Tür. Ein straucheln. Ein stolpern. Ein fallen. 
Und sie fällt, fällt, fällt. Und fällt.
Der Aufprall auf dem Boden lässt die letzte Luft aus ihren Lungen entweichen. Die Maske splittert, das Kostüm reißt. Und etwas löst sich in ihr. Ein Schrei. Ein leiser, einsamer Schrei. Der all das Laute um sie herum übertönt. 
Für einen kurzen Moment. Eine kleine Ewigkeit.
Und da sitzt sie, zerschlagen, allein, verloren und doch da.
Der Spiegel, angelehnt an einen der vielen Kartons, zeigt ein Gesicht. Ihr Gesicht. Und in ihm, einen Hauch von dem Menschen der zu sein, sie bestimmt ist. Ein Flackern nur in ihren Augen. Aber er ist da. Dort irgendwo. Irgendwo in ihr drin. Und vielleicht ist der Moment gekommen ihn zu suchen. Sich selbst wiederzufinden. Den Lauf noch einmal zu wagen. Den Träumen und Erinnerungen hinterherzujagen. Ja, vielleicht. 
Da ist kaum mehr etwas zu verlieren. Weil da kaum mehr etwas ist.

Sie schlägt die Hände vors Gesicht, ein Schluchzen durchfährt sie. Ein tiefer Atemzug. Das Luftholen fällt schwer. So schwer. Als wenn sie es erst von neuem lernen müsste. Mit wackeligen Knien bringt sie sich auf die Beine. Eine Hand an der Wand, um nicht erneut zu fallen. Um nicht den Mut zu verlieren. Das letzte bisschen, zaghaften Mutes.
Sie lässt die Maske und das Kostüm zurück, ihre Schritte folgen den leisen Tönen. Im vorbeigehen greifen ihre Finger den Stift und das Heft auf ihrem Schreibtisch. Ihr Blick fällt auf die Nische am Fenster. In weichen Tropfen taumelt der Regen auf die Erde.

Sie würde heute nicht hinaus gehen und sich der Welt stellen. Heute nicht. Noch nicht. Heute würde sie hier sitzen, dem Regen lauschen und ihre Gedanken als Worte aufs Papier fallen lassen. Heute würde sie den leisen Tönen in ihrem Herzen zuhören, den verloren geglaubten Träumen und Erinnerungen nachjagen. Einmal mehr. 
Um sich selbst dabei zu finden. Wiederzufinden.



(gedankenfetzen die sich fortsetzen. immer weiter. und weiter. bis am ende der vorhang fällt.)