Dienstag, 9. Februar 2016

. gedankenfetzen | no. 3

Der Stift verweilt auf dem Papier. Verharrt auf dem letzten Buchstaben. In ihrem Ohr das leise plätschern der Regentropfen beim auftreffen auf dem Asphalt.Ihr Blick hebt sich. Sie sieht sie dem Regen dabei zu, wie er zur Erde fällt. Es scheint, als würde er magisch angezogen werden. Als müsste er fallen. Als hätte er keine andere Wahl als seinen Weg anzutreten. Dem unumgänglichen Fall entgegen.
Der Regen fällt und fällt. Und mit ihm fallen Erinnerungen. Ihre Erinnerungen. 
Bilder aus längst vergangenen Tagen. Sie taumeln zu Boden, an ihren Augen vorbei. 
Bilden Filme. Sequenzen.
Da sind Gesichter, Namen, Gefühle & Orte.
Da ist Angst, Trauer, Freude und Freiheit. Alles so dicht beieinander, dass man sie kaum voneinander unterscheiden kann. 
Sie möchte sie greifen. Sie festhalten. Um nie zu vergessen. Niemals.
Niemals wieder.

Und so mischen sich ihre Erinnerungen mit den stetig fallenden Regentropfen. 
Wirbeln zu Boden.
Ihre Augen folgen ihnen, heften sich fest. Halten. Fest. Ganz fest.
Diese eine.
Erinnerung.

---

Da ist dieser Junge, Momo, doch alle riefen ihn Mo. Sein Haar war blau wie das Meer. Das unbändige, weite Meer. So unbändig wie seine Seele. Zu allen Seiten stand es ab. Wirr. Wild. So wild wie sein Herz. In seinen Augen war die Sehnsucht. Diese große Sehnsucht nach dem Leben. Nach dem Sein. Dem einfach Sein. Sein dürfen.
Wenn er lachte, dann von ganz tief drinnen. Es war ein raues Lachen, das sich seinen Weg von ganz weit unten, aus dem Bauch heraus, bis zu seiner Kehle bahnte. Dort blieb es stecken, für einen kurzen Moment. Und während seine Mundwinkel sich ihrerseits ihren Weg bahnten, brach es aus ihm heraus. Schallend. Ungezähmt. Laut. Und riss alle mit sich mit. Alle.
Auch das Mädchen am Rand. Das Mädchen mit den großen grünen Augen und dem Flattern im Herzen. Das Mädchen, dass so vieles verloren hatte. Nur nicht, sich selbst. Und auch nicht ihre Träume. Sie hatte vielleicht den Weg verloren, nicht aber den Willen zu gehen. Und auch nicht, die Hoffnung. Und die Liebe. Ein großes Wort, viel zu groß. Kaum zu begreifen. Denn so viel wusste sie nicht darüber. Kaum etwas. Fast nichts. Aber sie kannte das Gefühl. Und den Wunsch danach. Sie kannte die Sehnsucht und das Flattern im Herzen.
Vom Rand aus folgten ihre Augen seinen Mundwinkeln. Sein Lachen schlug wurzeln in ihrem Bauch. Und sie wünschte, es würde nie enden. Niemals.

Er war ein Träumer. Er wollte Leben. Ein Leben, wie es ihm gefällt. Lebenskünstler der er war. Und manchmal konnte sie die Welt mit seinen Augen sehen. Dann saßen sie beieinander, auf der Treppe hinterm Jugendhaus. Sie saßen und ließen Gedanken kreisen. Ihre Herzen formten Worte, die ihr Münder verließen, um sich bei dem Anderen auf die Schulter zu setzen und ihm ins Ohr zu flüstern.
Dann träumten sie gemeinsam, von der Freiheit, der großen Kunst des Lebens und dem Sein.
Ihre Schultern berührten sich, hin und wieder. Und wenn sie ihren Kopf nur ein kleines Stück zur Seite neigen würde, würde er auf seiner Schulter zum liegen kommen. Sie tat es nie. Nicht ein einziges Mal.
Sie teilten sich ihre Zigaretten. Immer.
Ihre Fingerspitzen berührten sich. Jedes Mal. 
Und das allein, war genug.
Sie waren. Einander. Genug.
Für den Moment. Diesen kleinen Augenblick auf der Treppe, den Traumwolken folgend.

Und dann gab es diese traurigen Momente. So voller Angst. Dann, wenn das Leben mit voller Wucht kam und ihnen beiden die Luft nahm. Dann waren alle Worte zu viel und alle Gedanken zu groß.
Wie jung sie doch waren. Zu jung für diese Wucht des Lebens. Viel zu jung. Und doch war es da und wollte, musste, gelebt werden. Weil es das Einzige war. Und während die Traurigkeit und die Angst sein Lachen verwischen ließen, hielt sie ihren Kopf über Wasser. Sie hatte schwimmen gelernt. Er nicht.
Sie wollte seine Hand nehmen und halten. Ihn mit sich ziehen. Auch seinen Kopf über Wasser halten. Ihm Rettungsinsel sein. Aber ihr fehlte die Kraft dafür. Seine Angst ließ ihn so schwer werden. So schwer.
Und er verschwand. Wie sonst auch. Wie er es immer tat, wenn der Regen begann. Sein Platz auf der Treppe blieb leer. Der Wind trug sein Lachen fort. Und von seinen Worten war nur noch ein leises Wispern zu hören.
Aber nach jedem Regen folgt Sonnenschein und nach jedem Winter kommt auch wieder ein Sommer. Ein Sommer, der die schwere nimmt und Tränen trocknet. Mit Leichtigkeit und Mut im Gepäck. Lebensmut. Einmal mehr. So wechselten die Jahreszeiten. Hin und Her.

Und eines Morgens waren sie wieder da, die Sonnenstrahlen und mit ihnen die Sommersprossen auf ihrer Nase. Sie zogen sie, hinaus. Ihre Füßen folgten jenen verschlungenen Wegen, die sie blind hätte laufen könnte. Schon von weitem konnte sie es hören. Das raue Lachen. In ihr wuchs das wilde Gefühl von Freiheit und in ihrem Herz begann das Flattern. Nur noch um die Ecke und sie konnte seinen wilden, blauen Schopf sehen. Da saß er, als wäre er nie weg gewesen. Auf der Treppe. Der Platz neben ihm leer. Und sie wusste, er würde für immer ihr gehören. Daran würde kein Winter der Welt etwas ändern können. Ihr Blicke trafen sich. Leise. Wissend. Ihre Beine trugen sie durch die Menge, ließen sich nieder. Auf dem Platz an seiner Seite.
Der Winter hatte an ihm gezerrt. Es schien als hätte er ein Stück von sich verloren, auf dem Weg zurück. Vielleicht würde er es im Sommer wieder finden. Vielleicht müssten sie einfach wieder ihre Gedanken auf die Reise schicken und Worte fliegen lassen. Vielleicht würde die Angst dann weichen und das Leben seine Wucht verlieren. Vielleicht wäre sein Atem dann wieder lang und sein Lachen so rau wie im letzten Sommer. Vielleicht. Vielleicht.
Sie ließen eine Zigarette hin und her wandern. Der Rauch kräuselte sich zwischen ihnen und ihre Fingerspitzen berührten sich. Seine waren kalt. So kalt.

Und dann fielen Worte aus seinem Mund. Zaghaft, leise und behutsam, aus Angst sie könnten am Boden zerschellen. Er sagte, das der Winter lang gewesen wäre. Viel zu lang. Das der Sommer eine halbe Ewigkeit auf sich warten hat lassen. Er sagte, er würde seinen Träumen nachlaufen müssen. Sie einholen. Und das Leben finden. Das Leben, welches er zu leben träumte. Vielleicht, würde er schwimmen lernen müssen. Aber erstmal müsse er anfangen zu laufen. Irgendwohin. Da wo er die Freiheit finden würde. So glaubte er. So sagte er. Seine Finger zitterten. Ihr Herz begann zu schmerzen.
Ein Wort fiel zu Boden.
Abschied.
Sie würde nicht mit ihm gehen können. Sie hatte doch schon längst schwimmen gelernt und der Sommer hat sie wieder warm werden lassen. Sie wusste längst, dass der Regen niemals von Dauer sein würde. So auch der Winter. Aber das alles, wusste Mo noch nicht.
Und sie konnte es ihm nicht erklären, er musste es selbst finden. Selbst lernen. Um zu verstehen.
Das Mädchen mit den grünen Augen blickte in die seinen voller Sehnsucht. Und flüsterte leise Buchstaben aneinander. Ob er wiederkommen würde. Ob er finden würde, was er sucht. Und das sie nichts von ihm hätte, was sie erinnern würde. An ihn. An das, was er ist. An das, was sie sind.
Das Flattern in ihrem Herzen. Es schmerzte. So sehr.
Schulter an Schulter saßen sie. Der Junge, Mo, stieß ein letztes raues Lachen aus. Drehte den Kopf zu ihr und seinen Lippen berührten ihre Stirn. Ein Hauch nur. Eine Erinnerung, die sie nie vergessen lassen würde. Niemals.
'Natürlich würde er wieder kommen. Wie könnte er nicht. Ist der Platz an ihrer Seite doch der seine', hauchte er leise in ihr Ohr.
Und dann stand er auf und ging. Ohne zurückzublicken. Abschiede lagen ihm nicht. Sie sah ihm dabei zu, wie er Schritt für Schritt verschwand. Sein wildes, blaues Haar tanzte dabei im Wind.

Und so verging der Sommer und mit ihm der Winter. Sein Platz auf der Treppe blieb leer.
Statt schwimmen, hatte er fliegen gelernt.

Was bleibt, ist die Erinnerung an sein Lachen, die leise Berührung an ihrer Stirn und das Gefühl seiner Fingerspitzen an den ihren.

Sie wünschte, sie hätte mehr Mut gehabt. Mut für sie beide. Sie wünschte, sie hätte ihm beigebracht zu schwimmen und ihm von dem Regenbogen erzählt, den der Regen im Sonnenschein hinterlässt. Sie wünschte, der Platz neben ihr wäre nicht leer.
Sie wünschte, sie hätte ihm von der Liebe erzählt und von dem Flattern in ihrem Herzen.
Sie wünschte, sie könnte sein Lachen noch ein letztes Mal hören. Ein letztes Mal an seiner Seite sitzen und Worte werden lassen. Einen letzten Sommer lang. Nur.
Ihr Finger strichen über den leeren Platz neben sich. Er würde immer ihm gehören. Ein Stück weit.
Sie würde nie vergessen.
Niemals.
Sie richtet sich auf und blickt in die Wolken hinauf. Es würde Regen geben. Und danach, Sonnenschein. 
Ganz bestimmt, Mo, ganz bestimmt.

Flieg.
Wohin auch immer.

Flieg.

---

Behutsam schließt sie die Hand über der Erinnerung an den Jungen mit den blauen Haaren und dem rauen Lachen. Sie hat ihn nicht vergessen. Niemals. Sie musste die Erinnerung nur wieder finden. Da war es, dass Flattern im Herzen. Und der Schmerz. Aber das alles ließ sie nur fühlen, das sie lebt. Das sie schwimmen kann und das sie ihre Träume immer noch erreichen kann. Sie blickt auf den Regen der aus den Wolken fällt. Ein Lächeln bahnt sich auf ihre Lippen. Sie weiß, jedem Regen folgt Sonnenschein.
'Es kann ja nicht immer regnen. Mo.'

Ihre Finger greifen nach dem Stift der vor ihr liegt. Die Tinte ist über das Papier gelaufen und hat eine feine Spur hinterlassen. Zwischen all den wortgewordenen Gedanken. Als würden sie sich miteinander verbinden. Sie würde weiterschreiben. Sie würde weiter suchen. Und sich dabei finden. Mit jedem Wort, jedem Satz, jeder Erinnerung und jeder Tintenspur auf dem Papier. Sie würde sich finden.
Weil sie schwimmen kann.


5.9.

Ich möchte, ich muss sie wieder einsammeln, die Erinnerungen. Meine Erinnerungen. Weil sie zu mir gehören, weil sie mich ganz machen.
Wer wäre ich ohne sie?
Wer bin ich jetzt schon, ohne sie?
Es scheint als hätte ich sie verloren. Irgendwo auf dem Weg hierher. Schritt für Schritt hab ich sie zurück gelassen. Weil ich musste! Weil ich wollte?
Vielleicht wollte ich vergessen. Wer ich bin.
Wo mich mein Weg entlang geführt hat in all den Jahren des Seins. All die Bilder, die Geschichten und die Menschen dahinter. All das Erlebte, das Gedachte, das Gefühlte. Ich habe es abgestreift. Hier ein Stück. Da ein Stück. Dort ein Stück.
Bis irgendwann kaum noch eine Erinnerung da war.
Ich leer war. Eine Hülle? Vielleicht?
Das Gesicht welches ich damals noch kannte, musste einer Maske weichen. Meine Haut bedeckt von einem Kostüm. Die Zeichen der Zeit versteckt. Zeichen eines Lebens, dass gelebt wurde. Bis dahin. Bis ich verlor. Erinnerungen. Mich.
Kann man schwimmen wieder verlernen?
Fällt es schwerer, je weiter man raus schwimmt oder hat man nur das Gefühl, weil die unendliche Weite auch die Angst mit sich bringt. Die Angst vor der Freiheit. Und davor, sie zu verlieren.

Jetzt muss ich sie wieder einsammeln. Muss die Wege in Gedanken zurücklaufen. Um zu füllen, was leer geworden ist. Um zu verstehen, wer ich bin. Und warum. Um mich der Angst zu stellen. Und um zu sehen, ob ich noch schwimmen kann.

Ich will die Gesichter wieder erkennen, will die Gefühle wieder spüren. Ich will verstehen. Ich will wieder sein, wer ich war. Wer ich bin. Schon immer.
Ich muss noch da sein. Irgendwo dort auf dem Weg. Irgendwo dort.
Ich bin noch nicht fertig, mit diesem Leben. Ich bin noch nicht fertig, mit träumen. Ich will mich noch einmal kennenlernen. Ich glaube, ich könnte mich mögen. Kämpferin, die ich war. Und vielleicht noch bin?

Und während ich die Kartons fülle und wieder leere, um sie erneut zu füllen, streifen meine Gedanken durch meine Erinnerungen. Das was davon noch da ist.
Um mich herum das Chaos meines Lebens. Es könnte kaum größer sein. Es ist ein aussortieren, ein umsortieren, ein entsorgen und ein neu entdecken. Mit, darf nur das, was wirklich wichtig ist. Das, was ich wirklich bin. Die Erinnerungen, die wirklich mein sind.

So viele Gesichter ziehen vorbei an meinen Augen. Namen wandern über meine Lippen. Leise in das Chaos hinein gehaucht. Ich kenne sie alle. Ich habe nicht vergessen, nicht ganz. Da sind Orte und Situationen. Lebensstationen. Da sind Menschen, die ein Stück des Weges neben mir herliefen und Menschen, die wieder verschwanden. Manche haben schwimmen gelernt, und andere sind geflogen. Ich musste sie ziehen lassen. Und nun lasse ich sie noch einmal ziehen.
Da ist ein Reißen in meinem Herzen.
Ein längst vergessener Schmerz.
Es ist, als würde ich sie noch einmal verlieren.
Doch der Schmerz macht auch, dass ich heile.
Das ich werde.

Es sind die Erinnerungen, die uns sein lassen.
Die schmerzhaften und die wunderschönen.
Manche von ihnen lassen uns zersplittern und wieder andere setzen uns wieder zusammen.
Aber sie alle gehören zueinander. Die einen können ohne die anderen nicht existieren. Freude und Leid so nah beieinander. Das ist es was Leben ist. Das Ganze. Das Echte. Das Wilde und das Raue.
Das ist es was ich will. Endlich wieder.
Ich sehne mich danach. Endlich wieder zu sein.
Und wenn es bedeutet, erst zu fallen um wieder aufzustehen, dann breite ich die Arme und lasse mich fallen. Hinein in meine Arme voller Erinnerungen.
Die schönen werden mich tragen. Und zusammensetzen.
Am Ende.

Weil man schwimmen nicht verlernen kann.
Und auch das laufen nicht.

Niemals.





(gedankenfetzen die sich fortsetzen. immer weiter. und weiter. bis am ende der vorhang fällt.)